Tiefe Bindung durch Loslassen

Ich möchte heute über ein Thema schreiben, welches mich gerade sehr beschäftigt.

Es geht um das Thema Loslassen. Kein einfacher Stoff, wenn es um geliebte Menschen geht.

Vor allem, wenn es sich um unsere Kinder handelt.

Unsere Kinder sind unsere größten Lehrmeister. So unglaublich tiefgreifend sind die Erfahrungen, die wir mit ihnen und durch sie machen dürfen.

Mehr als einmal, haben sie meine Sicht der Dinge und des Lebens im allgemeinen, komplett auf den Kopf gestellt.

So auch in dieser Sache.

Ich bin seit einigen Jahren alleinerziehend. Das ist manchmal schwer und manchmal sehr angenehm.

In jedem Fall ist es eine Lebensweise, mit der man sich, wie mit jeder anderen auch, arrangieren muss.

Ich dachte immer, ich würde das ganz besonders gut hinbekommen. Ich dachte immer, meine Kinder hätten alles, was sie brauchten. Ich dachte immer, ich könnte Mutter UND Vater zugleich sein, wenn ich mich nur genügend anstrengte.

Aber wie das immer so ist im Leben, da wo der meiste Kampf und der meiste Widerstand sind, da sind auch die wichtigsten Themen begraben.

Ich liebe meine Kinder und wir haben immer eine gute Zeit zusammen gehabt. Mit Höhen und Tiefen sicherlich, aber auch mit ganz viel Liebe.

Dennoch gibt es einen Papa. Und zwar immer. Anders ist es nicht möglich, ist ein neues Leben nicht zu erschaffen.

So gerne ich diese Tatsache auch verdrängen wollte, so sehr ich mich auch bemühte, alles alleine zu wuppen, er war und ist da.

Und er ist wichtig.

Mein ältester Sohn ist ein sehr fordernder, sehr emotionaler Mensch.

Ich liebe ihn sehr, aber als mein erstes Kind, als Prototyp sozusagen, hat er auch eine ganze Menge mitmachen müssen. Denn auch Mamas müssen ja zunächst einmal lernen, Mama zu sein.

Von Anfang an war mein Thema mit Julius das Loslassen.

Ob es die nahezu krankhafte Angst während der Schwangerschaft war, das Kind zu verlieren, die Angst ihn später  alleine nach A oder B gehen zu lassen, oder die fiese hinterhältige Angst, er könnte seinen Papa mehr lieben als mich, obwohl ICH alles gemacht habe, obwohl ICH immer die ganze Verantwortung trug.

Jaja, so ist das mit dem Selbstwertgefühl. Es macht einem nicht nur selbst das Leben schwer, sondern auch jedem anderen, nahestehenden Menschen.

Früher war das noch kein großes Problem. Julius war klein und hing an der Mama. Trösten könnte nur die Mama, Schlafen ging auch nur bei der Mama. Da musste ich gar nichts für tun, diese Bindung schien mir fest und sicher. Und den heimlichen Groll, den ich empfand, weil der Papa irgendwie trotzdem immer der Held war, den konnte ich noch ganz gut herunter schlucken. Denn letztendlich, verbrachte ich die meiste Zeit mit ihm.

Doch der kleine Julius dachte gar nicht daran, klein und abhängig zu bleiben. Der kleine Julius wurde schließlich ein großer Julius. Und der große Julius machte mir immer nachdrücklicher deutlich, was er von vielen meiner Ansichten und Verhaltensweisen hielt, nämlich gar nichts.

Unser ursprünglich vertrauensvolles und liebevolles Miteinander wurde immer mehr zum Kampf, immer mehr zur Tortur und immer verletzender, für beide Seiten.

Doch da gab es ja noch den Papa.

Und plötzlich war der wieder da, nicht mehr sporadisch und wie es ihm gerade passte (wie ich es immer empfunden hatte), sondern stetig, liebevoll und verlässlich und zu meiner Schande muss ich gestehen, das passte mir so gar nicht.

Julius wollte immer öfter zum Papa, immer öfter bei ihm übernachten und schließlich verkündete er stolz vor seinen Freunden, er wohne dann jetzt bei seinem Vater und das sei total cool. Aha.

Ach ich war ja so eifersüchtig. Und ich empfand vor allem eines: Angst!

Eine tiefe, beinahe existenzielle, letztendlich jedoch egoistische Angst, MEIN Kind zu verlieren.

Diese Angst gipfelte dann in einer sehr unschönen Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Expartner, VOR unseren Kindern.

Und da wusste ich, das geht so nicht. Das ist nicht der Weg der Liebe.

Und ich ließ los.

Ich limitiere nun nicht mehr. Julius darf zu seinem Papa, wann immer er möchte, und das ist so ziemlich IMMER.

Sobald er ins Auto hüpft ist die erste Frage: “Wann darf ich wieder zu meinem Papa?” Und er fragt so fröhlich und unschuldig, dass ich ihm gar nicht böse sein kann.

Ich verkneife mir auch immer öfter die Frage: “Hast du mich denn auch noch lieb?”, die mir, wie ich gestehen muss, das eine oder andere mal heraus gerutscht ist.

Und nun passiert etwas wundersames.

Nicht nur, dass Julius Papa und ich es schaffen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, uns auszutauschen und uns NICHT gegenseitig ausspielen zu lassen. (denn sie sind ja auch nicht ganz blöd die kleinen Mäuse 🙂 )

Nein auch mein Verhältnis zu Julius hat sich innerhalb kürzester Zeit so entspannt und verändert.

Sobald er mich sieht, hüpft er auf meinen Arm und möchte mit mir kuscheln (selbstverständlich nicht,  ohne sich vorher zu versichern, dass ich ihn sobald als möglich wieder zu seinem Papa bringe) und dann erzählt er mir tatsächlich aus seinem kleinen Leben.

Er erzählt und erzählt und hört gar nicht mehr auf.

Mein mürrischer, ständig genervter, kurz angebundener Sohn erzählt mir fröhlich und detailliert wie es in der Schule war, was der Papa ihm gezeigt hat, was sie alles gemacht haben und so fort.

Und das ist so schön. Diese Fröhlichkeit und Unbeschwertheit.

Julius ist eben nicht nur mein Kind, er ist auch ein Mann. Wenn auch noch ein kleiner Mann, aber ein Mann. Und ich bin nicht nur seine Mutter, ich bin auch eine Frau. Ich kann versuchen ihn zu verstehen, aber es ändert nichts daran, dass ich eine Frau bin. Und manchmal oder auch öfter, braucht ein kleiner Mann einen großen Mann, um sich verstanden zu fühlen und um eine Orientierung zu haben. Und das ist gut so.

Und so langsam, so ganz ganz langsam, schaffe ich es sogar, mir von Zeit zu Zeit einzugestehen, dass ich  (und es fällt mir immer noch schwer das zu sagen) die neue Situation sogar genieße.

Ich habe viel mehr Zeit für mich, sehr viel Zeit und Geduld für die anderen beiden Kinder. Keine ewigen Streitereien mehr, keine täglichen Kämpfe ums Aufstehen, Zähne putzen, Essen, Hände waschen und so weiter  (die hat jetzt der Papa 🙂 ).

Wir können die Zeit, die wir zusammen haben, genießen. So richtig genießen. Was für ein Luxus.

Ich bin mir sicher, wenn ich Julius jedesmal ein schlechtes Gewissen machen würde, wenn er mir zeigt dass er bei seinem Vater sein möchte, dann wäre unser Verhältnis auch jetzt noch nicht so entspannt.

Natürlich wird es auch weiterhin schlimme Zeiten und Höhen und Tiefen geben.

Das ist so in einer Familie.

Aber mit Liebe und Vertrauen findet sich immer ein Weg.

Alles Liebe

Eure Laura

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